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Interview | ||
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mit dem Ehrenmitglied der Gesellschaft
für Kieferorthopädie von Berlin und Brandenburg, Frau Dr. Ulrike Löchte von Dr. Susanne Christiansen-Koch
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Ulrike, vor kurzem haben wir Deinen 60. Geburtstag gefeiert. Sind das
auch gefühlte 60 Jahre? Insgesamt bin ich in einer Situation, die ich mit Genuss erleben kann: Ich habe zum einen meinen Arbeitsumfang reduziert, und ich kann zum anderen meine Zeit besser einsetzen. Die Arbeitsabläufe sind präziser organisiert. Ich arbeite zielgerichteter in meinen therapeutischen Vorstellungen. Ich kann Wachstum und Entwicklung mit mehr Gelassenheit beobachten und besser in meine therapeutische Arbeit integrieren. Ich blicke natürlich auch zurück auf diese lange Zeit, von 1986 bis 2006, die ich für die Gesellschaft für Kieferorthopädie von Berlin und Brandenburg tätig war. Diese Aufgabe habe ich neben meinen drei Kindern sozusagen als viertes Kind betreut. Am Ende war mein Abschied eigentlich längst überfällig, aber die Nachfolge wollte geregelt sein. Ich genieße es jetzt zu sehen, wie umtriebig meine Nachfolgerinnen sind und wie sie die Fortbildungsarbeit weiterführen. Es werden Dinge angepackt, die nicht liegenbleiben dürfen und die uns weiterbringen. Das LKG-Symposion ist ein Beispiel und der Arnett Kurs auch.
Auf Deiner Geburtstagsfeier hat Deine Familie, haben Deine Freunde und
Wegbegleiter die vielen Deiner Facetten vorgetragen und beleuchtet.
Und natürlich wurde auch die Kieferorthopädin gewürdigt. Wir alle haben
das Gefühl, dass Du Deinen Beruf nach wie vor gern ausübst. Was
motiviert Dich immer wieder?
Wann und durch
welche Beweggründe kam es zu diesem Entschluss, diesen Beruf zu
ergreifen und Kieferorthopädin zu werden? Du hattest das Studium
zunächst in München begonnen, später in Berlin fortgesetzt bis zum
Examen 1972. Hast Du schon während des Studiums Dein Interesse an dem
Fach Kieferorthopädie entdeckt?
Kannst Du noch einmal beschreiben, wie in Deiner Zeit der Weiterbildung
das fachliche Klima war in Bezug auf die Ausbildungssituation, die
Lehrer, die therapeutischen Möglichkeiten und die Patientenbetreuung.
Das Besondere in der kieferorthopädischen Abteilung bei Prof. Schulze war der hohe Stellenwert, der Schwerpunkt der Lehre bezüglich Ätiologie und Pathogenese. Ich denke, dazu haben wir in Berlin mehr erfahren als an anderen deutschen Universitäten. Was jedoch zu kurz gekommen ist, ist die Therapie mit festsitzenden Apparaturen. Vor meiner Zeit gab es schon Kontakte zu Prof. Hasund, der eine kieferorthopädische Ausbildung in den USA absolviert hatte. Soweit ich weiß, wurde er 1971 oder 1972 zu einem praktischen Kurs über die Anwendung der Multibandtechnik an die FU Berlin eingeladen. Sowohl Prof. Schulze, als Leiter der Abteilung, als auch die Oberärztin, Frau Dr. Hütel, und sein späterer Oberarzt, Prof. Tammoscheit, nahmen teil und informierten sich dort. Das heißt, sie fingen ganz praktisch an Bögen zu biegen und zu torquen. In der Folge wurde Frau Dr. Hütel beauftragt, sich weiter in der Multibandtechnik fortzubilden und diese Therapieform in der Abteilung zu repräsentieren. Das war es, was ich vorfand, Frau Dr. Hütel war bis zu ihrem Weggang die Expertin für die Multibandtechnik in der Abteilung. Ich darf daran erinnern, wir kämpften in der Multibandtechnik damals auch noch mit ernormen technischen Schwierigkeiten in der Umsetzung. Wir hatten keine Brackets, es wurden alle Zähne bebändert, und wir mussten die Bänder selbst erst herstellen. Und natürlich gab es auch keine Straight-wire-Apparaturen und keine superelastischen Bögen. Das heißt, wir haben alle Biegungen 1., 2. und 3. Ordnung ausgeführt und brauchten viele Multiloopbögen in der Nivellierungsphase.
Ich selbst kann mich erinnern, dass unsere Ausbildung von vorn herein
nicht komplett und umfassend war. Der Mangel war spürbar. Im nachhinein
kann man sagen, es war eine Ausbildung ohne fundamentales
Basis-Fachliteraturstudium, im wesentlichen unter Aussparung des
Therapiekomplexes der festsitzenden Technik. Aus diesem Grund gab es
diesen kleinen Kollegenzirkel. Der traf sich ab 1977 in der Praxis
Löchte mit Doug Toll und staunte. Ich will damit nur unterstreichen,
wir waren mit unserer fachlichen Qualifikation mehr als heute auf uns
selbst angewiesen, wir mussten uns unsere Lehrer suchen. Das hast Du
offenbar gut verstanden. Wie kam es zu diesem Kontakt mit Doug Toll, zu
diesem Praxistreff bei Dir?
Welche anderen Lehrer haben Dich geprägt? Als weitere Lehrer, die mir viel vermittelt haben, möchte ich neben Toll und Hasund noch Björk, Pfeiffer und Grobéty, Teuscher, Ricketts, Andrews, Roth, Williams, Monica Palmer, Zachrisson und das Ehepaar Richter hervorheben. Björk ist der einzige, den ich nicht persönlich kennengelernt habe. Nicht zuletzt möchte ich Prof. Schulze erwähnen. Im nachhinein betrachtet war durch die Weiterbildung in seiner Abteilung ein gutes kieferorthopädisches Fundament gelegt worden mit guten Kenntnissen über die Ätiologie, über Wachstum und Entwicklung. Und wir lernten genau hinzusehen, unser Auge für die Mikrosymptome bei Dysgnathien zu schulen. Das weiß ich heute sehr zu schätzen. Dies sind die Lehrer, die mir wohl am wichtigsten waren. Aber es gibt noch viele andere. Eigentlich ist durch die Suche nach Referenten im Laufe der Zeit ein sehr internationales Netzwerk entstanden, was man auch am Programm der Gesellschaft in den vergangenen Jahren nachlesen kann. Vorbild war die Münchener Gruppe mit Diernberger, Hösl und Grosse. Viele Anregungen habe ich dort auf den IOK-Tagungen erhalten. Die waren einfach neugierig, hier wurde über viele Jahre ein „state of the art“ gezeigt in sehr kollegialer netter Atmosphäre. Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen und darauf eingehen, nach welchen Grundsätzen ich Fortbildung gesehen habe: Fortbildung soll unabhängig sein von Firmeninteressen und unabhängig von der „Abrechenbarkeit“, also den Verdienstmöglichkeiten in der Praxis. Entscheidend ist das Lernen an sich, die Vermittlung der besten Methoden, ohne gleichzeitig die finanzielle Umsetzbarkeit im Blickfeld zu haben. Es gibt keine nationalen Grenzen für Fortbildung, wir müssen uns auf internationalem Niveau orientieren. Mein Ziel in Berlin war auch immer die Einbeziehung der Universitäten und anderer Fachgesellschaften in unser Fortbildungsprogramm. Es gab und gibt noch heute Stimmen, die es bedauern, dass aus der Berliner Gesellschaft für Kieferorthopädie eine gemeinsame Gesellschaft von Berlin und Brandenburg geworden ist. Aber in der Wendezeit war es eine Zeit der Öffnung, unser Fortbildungsangebot wurde über die Landesgrenzen hinaus wahrgenommen. Dem wollten wir uns nicht verschließen, ich sah in dem Wachsen der Gesellschaft auch eine Chance, die es zu ergreifen galt. Nach der Wende war der Hörsaal zu unseren Veranstaltungen übervoll, allein durch Mund- zu Mund Propaganda. So kamen auch die Brandenburger Kollegen. Sie waren neugierig und hatten großen Nachholbedarf an allem, was die festsitzende Technik ausmachte. Wir wollten sie an unseren Veranstaltungen beteiligen, und sie sollten auch unser Programm mitgestalten dürfen. Es war nur konsequent, dass sie sich dann auch im Namen der Gesellschaft für Kieferorthopädie wiederfinden mussten. Die Landespolitik hat diesen Schritt ja bekanntlich noch nicht vollzogen, aber bei uns Kieferorthopäden funktioniert der Zusammenschluss gut. Ich selbst wurde erst spät Mitglied der Gesellschaft für Kieferorthopädie, erst 1986, und dann wurde ich gleich zur 2. Vorsitzenden gewählt. Es gab im Vorstand bis dahin viele Berührungsängste gegenüber den Kieferorthopäden aus der Praxis und einer Fortbildung außerhalb des gewohnten akademischen Rahmens. Der Vorstand war bis dahin traditionell durch Universitätsmitglieder besetzt. Es wurde mir möglich, diese Abgrenzung zur Praxis abzubauen und die Fortbildung aus der Perspektive des Praktikers neu zu beleben. Wenn Du in Deinem Berufsleben zurückblickst, welchen Ballast hast Du abgeworfen, wovon hast Du Dich in der Behandlung und Betreuung Deiner Patienten getrennt? Oder umgekehrt, was war ein großer Fortschritt und was hast Du gern aufgenommen und in Dein Behandlungskonzept integriert? Der größte Fortschritt in der kieferorthopädischen Behandlung ist durch die Prophylaxe ermöglicht worden. Zusammenbruch der Stützzonen oder Sechsjahr-Molaren-Extraktionsfälle kenne ich fast gar nicht mehr. 1976 haben wir mit einem kleinen Zahnputzraum angefangen. Inzwischen haben wir für unsere Patienten ein eigenes Prophylaxezentrum mit professioneller Betreuung eingerichtet. Es genügt nicht Zähne perfekt einzustellen, wenn anschließend kariöse Defekte behandelt werden müssen. Diese Prophylaxemaßnahmen haben erst die komplexe kieferorthopädische Therapie von heute möglich gemacht. Unsere Apparaturen behindern die Zahnreinigung und provozieren die Kariesentstehung. Eine kieferorthopädische Behandlung ohne systematische professionelle Kariesprophylaxe muss man heute als Behandlungsfehler ansehen. Für mich als Kieferorthopädin ist es das Schönste, wenn ich meine Patienten nach vielen Jahren als Erwachsene mit stabilem Behandlungsergebnis und kariesfreiem Gebiss wiedersehe. Eine anderes großes Thema ist für mich das Kiefergelenk und eine wichtige Bereicherung das zunehmende Wissen um seine Funktion und seine Funktionsstörungen. Über Fortbildung bei Krogh-Poulsen, Isbjerg und Slavicek war mein entscheidender Schritt ab 1992 der Besuch der Kurse bei Bumann und Groot-Landeweer. Das heißt, über Bord geworfen habe ich inzwischen die instrumentelle Kiefergelenkdiagnostik zugunsten der manuellen Funktionsdiagnostik bzw. der manuellen Strukturanalyse. Die führe ich routinemäßig bei jedem Patienten durch, während ich die instrumentelle Analyse nur bei bestimmten, einzelnen Patienten anwende. Funktionskieferorthopädische Apparaturen, wie z. B. den Bionator, den FR III, den Teuscher-, den van Beek-, oder den elastisch offenen Aktivator, benutze ich nach wie vor. Eine headgearfreie Praxis führe ich nicht, aber ich setze ein Headgear viel seltener ein. Auch viel seltener kommen heute bei mir Lipbumper, Palatinalbügel, die Quadhelix, Distalisierungsapparaturen und Nance-Verankerungen zum Einsatz. Die passiven „self ligation“ - Apparaturen machen eine Therapie ohne diese Behelfe möglich. Ein großer Gewinn ist für mich auch das bessere „timing“ im Zusammenhang mit der Einordnung von verlagerten Eckzähnen allein schon durch die Steuerung des Zahnwechsels und geeignete platzschaffende Maßnahmen, präventiv sozusagen. Auch der Einsatz autogener Zahntransplantate ist aus meiner Praxis nicht mehr wegzudenken und bei richtig gewählter Indikation ein sehr wertvolles und einfaches Behandlungsverfahren. Aus Deiner langen Zeit an vorderster Fortbildungsfront, immer den Blick auf wichtige Themen und Referenten gerichtet: Wohin geht die Kieferorthopädie? Kannst Du eine vorsichtige Prognose oder Perspektive aufzeigen, einen Trend angeben? Insgesamt werden die Ansprüche sowohl des Behandlers als auch des Patienten in jeder Beziehung größer. Dies gilt nicht nur für das perfekte Erscheinungsbild der Zähne sondern auch für die Gesichtsästhetik überhaupt. In diesem Zusammenhang werden heute seltener Zähne (bleibende- und Milchzähne) entfernt. Bei Nichtanlage geht der Trend zum Lückenschluss und weg von der Ausgleichsextraktion. Hier machen die Verankerungsimplantate neue Behandlungswege möglich. So wäre früher ein Lückenschluss im Unterkiefer bei Unterzahl eines 2. Prämolaren ohne Ausgleichsextraktion ein Behandlungsfehler gewesen. Inzwischen ist die Extraktion aber nicht mehr nötig, da beim Lückenschluss durch die Anwendung der Implantate die Nebenwirkungen aufgefangen werden. Außerdem wird heute von uns Behandlern erwartet, dass die Behandlung keine besonderen Anforderungen an die Mitarbeit des Patienten mehr stellt, das heißt, Non-Compliance Apparaturen sind angesagt, und sie funktionieren.
Was rätst Du jungen Kollegen, wie sie sich im Fortbildungsdschungel am
besten orientieren können ohne sich zu verzetteln, ohne der letzten
„Modetherapie“, der neuesten xy- Apparatur oder den Versprechungen der
Industrie aufzusitzen? Wir haben ja hier in Berlin und Brandenburg mit unserer Gesellschaft für Kieferorthopädie die idealen Bedingungen für eine „continuing education“. Genau dies war immer mein Leitmotiv. Hier passt der Vergleich mit einem Ruderer in einem Boot: Wer aufhört zu rudern, fällt zurück. Wir können hier in Berlin am Fortbildungsgeschehen gut dranbleiben. Bei diesen Abendveranstaltungen im kleinen Kollegenkreis bekommt man einen ersten persönlichen Eindruck vom Referenten. Man kann sich selbst ein Bild machen, um dann zu entscheiden, ob man das angesprochene Thema oder die gezeigte Technik im Rahmen eines Kurses eventuell vertiefen möchte oder nicht. Das gleiche gilt auch für Kongresse, Symposien, die Jahrestagung. Es ist eine Möglichkeit neben der Fachliteratur, wie man Referenten kennenlernen kann.
Was ist Deine bevorzugte Quelle als Fachlektüre? Die Informationen aus Orthodontie und Kieferorthopädie, das Journal of Clinical Orthodontics, das American Journal of Orthodontics and Dentofacial Orthopedics und die Fortschritte der Kieferorthopädie. Mit den beiden amerikanischen Zeitschriften habe ich mein Fachenglisch gelernt, habe aber inzwischen deren Lektüre aufgegeben. Außerdem gehe ich jetzt lieber zu Vorträgen, oder ich besuche gezielt Kurse.
Welche nicht fachliche Lektüre beschäftigt Dich? Bist Du auch sonst eine
„lesende Person“? Oder bevorzugst Du andere Medien? Unser Berufsalltag ist, eine möglichst umfassende Diagnose zu stellen und darauf basierend eine meist jahrelang dauernde Therapie zu entwickeln, zu der wir unsere Patienten permanent motivieren müssen. Wir selbst müssen unser angestrebtes Ziel stets in unserem kritischen Auge behalten. Erfolg oder Misserfolg oder etwas dazwischen ist meistens direkt ablesbar, und wenn es in Form eines Rezidivs auftritt. Wir sehen selbst, was wir tun. Dies kann uns als Behandler belasten. Umgekehrt sehen wir auf Fortbildungen sehr viel Perfektion, tolle Bilder von idealen Okklusionen, idealen Zahnbögen, Patienten mit perfekter Ästhetik.
Ist dieser Anspruch in der Praxisroutine manchmal belastend, das Gefühl,
dem nicht zu genügen? Wir können uns fortbilden, wir benutzen hocheffiziente Materialien und Techniken, und doch gibt es immer wieder Unterschiede im Ergebnis.
Was unterscheidet den überdurchschnittlichen, den herausragenden
Kieferorthopäden vom Durchschnittsbehandler? Gibt es Deiner Meinung
nach auch noch das Quäntchen Intuition, das nicht Erlernbare?
An welches
Ereignis aus der Zeit der „Löchte - Ära“ während Deiner Zeit als erste
Vorsitzende der Gesellschaft für KFO BB denkst Du besonders gern zurück? Ich selbst bekam am Sonntag darauf meinen ersten „Ostgegenbesuch“ in Form von Charlotte Opitz mit ihrer Familie, die spontan zu uns nach Lichterfelde gereist waren. Wir feierten dann einen Sonntag der Wiedervereinigung rund um einen großen Topf selbstgekochter vegetarischer Suppe. Gehen die
Jubiläumsfeiern der Gesellschaft 1998 und 2003 auf Deine Initiative
zurück?
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